Erntedank ist so ein Fest, das eigentlich kaum jemand ablehnen kann.

Die Bauern danken für die Ernte, die Kirche für die Schöpfung und die Gemeinden schmücken ihre Plätze.

Und irgendwo steht eine kunstvoll gebundene Krone aus Getreide, die wahrscheinlich mehr Arbeitsstunden verschlungen hat als so mancher Hochsitz.

Alles friedlich, alles bodenständig, alles schön.

Und trotzdem steckt in diesem Fest mehr Wahrheit über unseren Umgang mit Natur, Landwirtschaft und Jagd, als uns manchmal lieb ist, denn wir danken gerne für das, was auf dem Tisch liegt.

Für Brot, für Wildbret, für Obst und fürs Gemüse.

Nur über den Weg dorthin reden wir inzwischen erstaunlich ungern. Das Brot kommt nicht aus dem Regal, das Schnitzel wächst nicht in der Kühltheke und das Reh legt sich auch nicht freiwillig in den Tiefkühler.

Trotzdem haben wir es geschafft, Nahrung gleichzeitig wichtiger und abstrakter zu machen. Wir wollen Regionalität, Nachhaltigkeit und Tierwohl.

Aber bitte ohne Schmutz, Blut, Stallgeruch, Ernteausfälle, Schädlingsdruck, Wildschäden oder sonst irgendetwas, das daran erinnert, dass Lebensmittelproduktion in der echten Welt stattfindet.

Die Natur muss natürlich auch wild sein - nur bitte nicht im Maisfeld, nicht auf der Straße und nicht im Hühnerstall. Nicht bei den Schafen und idealerweise auch nicht dort, wo sie wirtschaftlich stört.

Dann wird aus dem romantischen Wildtier erstaunlich schnell ein Tagesordnungspunkt.

Der Jäger kennt diesen Widerspruch nur zu gut - Wildtiere sollen geschützt werden, Wildbestände sollen gesund bleiben, der Wald sich verjüngen, die Straßen sicherer werden und der Landwirtschaft möglichst kein Schaden entstehen.

Und wenn dabei am Ende ein Tier erlegt werden muss, möchte bitte niemand genauer wissen, wie das funktioniert.

Das ist ungefähr so, als würde man dem Bäcker erklären, man liebe Brot, finde Backöfen aber moralisch schwierig.

Erntedank wäre deshalb vielleicht ein guter Anlass, ein bisschen ehrlicher zu werden.

Denn Dankbarkeit bedeutet nicht nur, das fertige Produkt schön auf einen Tisch zu legen - Dankbarkeit heißt auch, die Arbeit dahinter anzuerkennen:

Die des Bauern, die des Försters und auch die des Jägers.

Und ja, manchmal auch die ziemlich unangenehmen Entscheidungen, die dazugehören, denn die Natur ist kein Heimatfilm. Sie ist wunderschön, grausam, verschwenderisch und effizient zugleich.

Wer sie ernst nimmt, muss nicht alles daran romantisieren.

Vielleicht wäre das sogar die modernere Form von Erntedank:

Nicht nur Danke sagen für das, was wir bekommen, sondern wieder verstehen, was dafür nötig war.

Und wer dabei glaubt, Landwirtschaft, Jagd und Natur würden ohne Zielkonflikte funktionieren, hat möglicherweise schon den ersten Bock geschossen.

Waidmannsheil.

Dominik

Den Bock geschossen – die Waidpost-Kolumne