Warum liegt das Stück nicht im Feuer?
Der Schuss bricht, das Reh zeichnet, springt ab und ist nach ein paar Fluchten im Dickicht verschwunden. Dann wird es still. Noch bevor man richtig durchgeatmet hat, läuft im Kopf schon die Fehlersuche. War ich zu weit hinten? Zu tief? Hab ich verrissen? Eigentlich hätte es doch liegen müssen, so wie das Absehen gestanden ist.
Nicht unbedingt. Die Vorstellung, dass ein sauber getroffenes Stück grundsätzlich am Anschuss zusammenbricht, hält sich unter Jägern erstaunlich hartnäckig. Wer schon einige Jahre jagt und öfter bei Nachsuchen dabei war, weiß, dass es in der Praxis oft anders aussieht. Wie ein Stück auf den Treffer reagiert, hängt von vielen Dingen ab: vom Treffersitz, vom Geschoss, von der Wildart und auch davon, in welcher Verfassung das Stück in dem Moment war, als der Schuss gefallen ist. Ein Reh, das noch 50 oder 100 Meter geht, kann trotzdem tödlich und waidgerecht getroffen sein.
Um das zu verstehen, muss man sich anschauen, was im Wildkörper passiert. Dass ein Stück tödlich getroffen ist, heißt noch lange nicht, dass es auf der Stelle umfällt. Dafür müssen Körperfunktionen ausfallen, die es zum Stehen und Laufen braucht. Wird das zentrale Nervensystem getroffen, also Gehirn oder Rückenmark, geht das meist sofort. Das Stück bricht zusammen, oft ohne nennenswertes Zeichnen. Beim klassischen Kammerschuss auf Herz und Lunge läuft das anders ab. Der Treffer ist tödlich, daran gibt es nichts zu rütteln, aber Gehirn und Muskulatur haben noch für einige Sekunden Sauerstoff zur Verfügung. Erst wenn der verbraucht ist, ist Schluss.
Ein paar Sekunden klingen nach wenig. Ein Reh, das mit 40 oder 50 km/h abspringt, legt in dieser Zeit aber leicht 50 Meter und mehr zurück, und im Wald ist ein Stück nach 50 Metern oft längst außer Sicht. Die Fluchtstrecke allein sagt also wenig darüber aus, ob der Schuss gut oder schlecht war.
Beim Herzschuss denken viele automatisch an „im Feuer“. Physiologisch muss das nicht so sein. Wird das Herz schwer zerstört, bricht der Blutdruck schnell zusammen und das Gehirn wird nicht mehr ausreichend versorgt. Im Kreislauf und im Gewebe ist aber noch Sauerstoff vorhanden, und das Gehirn stellt seine Arbeit nicht im selben Augenblick ein. Das Stück kann deshalb noch kurz und durchaus koordiniert flüchten. Gerade nach tiefen Herzschüssen erlebt man häufig, dass das Stück hinten ausschlägt, hochflüchtig abgeht und erst nach einer gewissen Strecke zusammenbricht. Bei schweren Lungenschüssen ist es ähnlich. Die Versorgung bricht zusammen, nur eben nicht schlagartig.
Auch innerhalb der Kammer ist nicht jeder Treffer gleich. Sitzt die Kugel hoch, nahe an der Wirbelsäule, werden oft Nervenbahnen mitverletzt oder Wirbel getroffen, und das Stück liegt. Wer einmal ein Stück nach einem hohen Blattschuss im Feuer hat liegen sehen, glaubt leicht, so müsse es immer sein. Ein tiefer Herzschuss oder ein Schuss mitten durch die Lunge löst dagegen meist zuerst eine Flucht aus, obwohl er mindestens genauso tödlich ist. Dazu kommen Schusswinkel, Entfernung und die Frage, welche Organe die Kugel auf ihrem Weg durch den Wildkörper tatsächlich erwischt hat. Ein schräg von hinten angetragener Schuss nimmt einen ganz anderen Weg als einer, der breit auf das Blatt kommt.
Dann ist da noch das Wild selbst. Ein starker Keiler mit dicker Schwarte und Schild steckt einen Treffer anders weg als ein schwaches Rehkitz, und auch Rotwild kann nach einem guten Kammerschuss noch eine beachtliche Strecke machen. Selbst zwei Stücke derselben Wildart, die fast gleich getroffen wurden, reagieren nicht zwangsläufig gleich. Das Zeichnen ist ein wertvoller Hinweis auf den Treffersitz, aber kein Beweis. Wer sich allein darauf verlässt, liegt öfter daneben, als ihm lieb ist.
Eine Rolle spielt natürlich auch das Geschoss. Es soll Energie im Wildkörper abgeben und lebenswichtige Organe zerstören. Wie schnell das gelingt, hängt von seiner Bauart ab, von der Auftreffgeschwindigkeit und davon, welches Gewebe es trifft. Ein Geschoss, das schnell und stark aufpilzt, wirkt anders als ein hartes Geschoss, das wenig deformiert und einen guten Teil seiner Energie mit dem Ausschuss wieder mitnimmt. Trifft die Kugel Knochen, ändert sich die Wirkung noch einmal, manchmal zum Besseren, manchmal zum Schlechteren. Bei bleifreier Munition wird in Jägerrunden gern darüber gestritten, ob die Stücke damit weiter flüchten. Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Wichtig ist, dass Kaliber, Laborierung und Geschoss zur Wildart und zur üblichen Schussentfernung passen.
Von der viel zitierten Schockwirkung sollte man sich trotzdem nicht zu viel erwarten. Mehr Energie bedeutet nicht automatisch, dass das Stück am Platz bleibt. Und ob es liegt oder noch geht, ist kein verlässliches Maß dafür, ob der Schuss richtig saß.
Ein Stück, das vor dem Schuss schon unruhig war, gesichert hat oder gar flüchtig war, ist körperlich in einem anderen Zustand als eines, das vertraut auf der Wiese äst. Stresshormone treiben Puls und Blutdruck hoch, die Muskulatur ist auf Flucht eingestellt. Wird so ein Stück getroffen, setzt es die Kraft, die ihm noch bleibt, eher in eine Flucht um. Auch deshalb ist ein Schuss auf ein ruhig stehendes Stück nicht nur beim Abkommen sicherer, in der Praxis führt er häufig auch zu kürzeren Fluchtstrecken.
Der Treffersitz bleibt trotzdem der entscheidende Punkt. Adrenalin taugt nicht als Ausrede für jede lange Fluchtstrecke. Wenn ein Stück ungewöhnlich weit geht, sollte man genauer hinschauen und den eigenen Schuss ehrlich hinterfragen, statt sich die Sache schönzureden.
Der häufigste Fehler passiert ohnehin selten beim Abkommen. Viel öfter passiert er in den Minuten danach. Das Stück ist weg, die Anspannung ist groß, und man will sofort zum Anschuss. Genau das macht aus einer eigentlich einfachen Nachsuche oft eine schwierige. Wer zu früh nachgeht, macht ein krankes Stück womöglich wieder hoch, das sonst wenige Meter weiter verendet wäre.
Besser ist es, sitzen zu bleiben, zu repetieren und sich genau einzuprägen, was man gesehen hat. Wie hat das Stück gezeichnet? In welche Richtung ist es abgegangen, und wo genau ist es aus dem Blickfeld verschwunden? Wie hat es Haupt und Rücken getragen? Hat es hinten ausgeschlagen, ist es vorne eingeknickt, gestolpert, hat es sich krumm gemacht? Hat man nach dem Schuss noch etwas gehört, brechende Äste oder ein Poltern? Es hilft, sich markante Punkte zu merken, einen Baum, einen Stein, eine Lücke im Bewuchs. Vom Hochsitz aus sieht das Gelände ganz anders aus als unten am Boden. Wer will, macht sich gleich ein paar Notizen oder ein Foto mit dem Handy.
Dann heißt es warten. Nach einem sauberen Kammerschuss reicht meist eine Zigarettenlänge, also zehn bis fünfzehn Minuten. Hat man den Verdacht, dass der Treffer nicht optimal saß, wartet man deutlich länger oder verständigt gleich einen Hundeführer. Das Stück soll Zeit bekommen, sich niederzutun und in Ruhe zu verenden.
Am Anschuss liefern Schweiß, Schnitthaar, Knochensplitter oder Panseninhalt weitere Hinweise. Hellroter, schaumiger Schweiß deutet auf einen Lungentreffer hin, Panseninhalt auf einen Weidwundschuss. Diese Zeichen gehören aber zum Gesamtbild und ersetzen es nicht. Wer den Anschuss zertrampelt, macht dem Hund die Arbeit unnötig schwer. Also vorsichtig suchen, den Anschuss verbrechen und nicht kreuz und quer darüberlaufen.
Richtig gefährlich wird es, wenn fehlender Schweiß zum Fehlschuss erklärt wird. Nicht jeder Treffer hinterlässt gleich deutliche Pirschzeichen. Bei kleinem Einschuss und ohne Ausschuss kommt oft erst nach einigen Metern Schweiß. Manchmal wird er von der Decke aufgesogen, und auf Laub, nassem Boden oder in hohem Gras sieht man ihn ohnehin kaum. Gerade in der Dämmerung, wenn viel Wild erlegt wird, übersieht man schnell etwas.
Wer das Stück nach dem Schuss nicht sicher gesund abgehen gesehen hat, sollte von einem Treffer ausgehen. Im Zweifel holt man einen geprüften Schweißhundeführer. Eine Kontrollsuche, die nichts ergibt, ist keine Schande. Ein krankes Stück, das man aus Bequemlichkeit oder falschem Stolz liegen lässt, sehr wohl. Die meisten Hundeführer sind froh, wenn sie früh und ehrlich informiert werden, und eine Totsuche über kurze Distanz ist für Hund und Führer schnell erledigt.
Ob ein Stück im Feuer liegt oder noch 80 Meter geht, sagt für sich genommen wenig über den Schuss aus. Was zählt, ist, welche Organe getroffen wurden und wie schnell sie ausfallen. Und was man nach dem Schuss tut, ist mindestens so wichtig wie das Abkommen selbst: ruhig bleiben, genau beobachten, ehrlich zu sich selbst sein und im Zweifel den Hund holen.