Beim Wolf geht’s schon lange nicht mehr um den Wolf. Das ist das Erste, was man verstehen muss.

Kaum taucht irgendwo einer auf, laufen die Lager warm. Die einen feiern die Rückkehr der Wildnis, als hätte jemand den Yellowstone in den Salzburger Pongau verlegt. Die anderen sehen Almwirtschaft, Jagd und gleich die halbe Zivilisation untergehen. Dazwischen stehen ein paar Leute, die einfach wissen wollen, was passiert ist.

Die haben’s am schwersten. Die werden nämlich von beiden Seiten angefeindet.

Der Wolf selbst kriegt davon nichts mit. Er hat kein Facebook.

Er weiß nicht, ob er heute „streng geschützt“, „Problemwolf“, „Schlüsselart“ oder „Bedrohung für den ländlichen Raum“ ist. Er frisst, was er kriegt. Er zieht weiter. Er nimmt mit, was sich anbietet.

Also genau das, was ein Wolf tun soll.

Ganz ehrlich: In dieser ganzen Debatte ist er der Einzige, der sich halbwegs vernünftig benimmt.

Lustig wird’s erst bei uns Zweibeinern.

Ein gerissenes Schaf beweist wahlweise, dass Herdenschutz nicht funktioniert, dass er schlecht gemacht wurde, dass es zu viele Wölfe gibt oder dass eh alles halb so wild ist. Das gleiche Schaf, vier Wahrheiten. Es kommt nur drauf an, an welchem Stammtisch man sitzt, ob analog oder digital.

Wird irgendwo ein Wolf gesichtet, weiß binnen einer Stunde mindestens einer ganz sicher, dass der „jede Scheu verloren“ hat. Ein anderer weiß genauso sicher, dass das völlig normal ist.

Wer hat recht? Kommt drauf an.

Ich weiß, dieser Satz ist in Wolfsdiskussionen ungefähr so beliebt wie ein Patschen auf der Forststraße um halb fünf in der Früh.

Und bevor sich jetzt jemand gemütlich zurücklehnt: Wir Jäger sind da kein bisschen besser.

Wenn der Wolf ein Reh reißt, hat er nicht „unser Wild gestohlen“. Es ist nicht unser Wild. Er hat ein Reh gerissen. Das ist bei einem Beutegreifer kein Charakterfehler, sondern die Jobbeschreibung.

Genauso wenig romantisch ist es aber, wenn in der Früh drei Schafe und ein Kalb tot auf der Weide liegen. Dem Bauern, der davorsteht, hilft kein Vortrag darüber, wie natürlich das alles ist.

Ein Blitz ist auch natürlich. Trotzdem klatscht keiner, wenn er in den Stadl einschlägt.

Aber egal, wie groß der Frust ist: Auch bei uns gibt es Leute, die meinen, beim Wolf könne man das Gesetz ein bisschen großzügiger auslegen. Kann man nicht. Wer sich über das Gesetz stellt, hilft weder dem Schaf noch dem Bauern, sondern nur denen, die uns Jägern sowieso nichts zutrauen. Wir wollen mitreden, wenn es um Regulierung geht? Dann sollten wir nicht ausgerechnet beim Rechtsstaat die Abkürzung nehmen.

Das eigentliche Problem? Wir wollen es einfach haben.

Gut oder böse. Schützen oder schießen. Zu viele oder zu wenige.

Die Realität hat leider keine Single-Choice-Version.

Ein Wolf kann sich völlig normal verhalten und trotzdem zum Problem werden. Ein Abschuss kann im Einzelfall richtig sein, ohne dass deshalb jeder Wolf wegmuss. Und Schutz kann sinnvoll sein, ohne dass man jeden Riss mit einem Schulterzucken abtut.

In jedem Führungskräfteseminar lernt man als Erstes: Gute Entscheidungen beginnen mit „Es kommt darauf an“. Dafür zahlen Firmen viel Geld. Beim Wolf gibt’s den Satz gratis, und trotzdem will ihn keiner hören. Likes bringt er nämlich keine. „Alle abknallen“ und „Hände weg vom Wolf“ hingegen schon.

Am Ende geht’s deshalb selten ums Tier und fast immer ums eigene Lager.

Jede Meldung wird einmal durch die eigene Meinung gedreht und dann als Beweis zurück ins Netz gespuckt. Passt die DNA-Analyse ins Weltbild, ist sie wasserdicht. Passt sie nicht, hat sicher das Labor geschlampt.

Das funktioniert übrigens auf beiden Seiten hervorragend. Wenigstens da sind sich alle einig.

Vielleicht wär’s schon ein Fortschritt, wenn wir zugeben, dass man nicht zu jedem Wolf sofort eine Meinung braucht.

Man kann einen Riss melden, ohne die Ausrottung zu fordern.

Man kann sich über die Rückkehr einer Art freuen, ohne so zu tun, als gäbe es keine Probleme.

Und man kann über Regulierung reden, ohne gleich als Wolfshasser abgestempelt zu werden.

So kompliziert ist das nicht. Wir machen es nur gern kompliziert, weil Aufregen mehr Spaß macht als Nachdenken.

Waidpost wird weiter über Wölfe berichten: über Risse, Sichtungen, DNA-Nachweise, Abschüsse, Urteile und Bestandszahlen.

Nicht, weil der Wolf gut ist. Nicht, weil er schlecht ist. Sondern weil er da ist.

Und weil es oft schon reichen würde, zuerst zu schauen, was passiert ist, und erst danach zu entscheiden, was man davon hält.

Der Wolf macht’s übrigens genauso: erst schauen, dann zuschlagen.

Da könnten wir uns ruhig was abschauen.

Waidmannsheil.

Dominik

Den Bock geschossen – die Waidpost-Kolumne